
Typisch EU: Bahntickets wie vor fünfzig Jahren

Das scheint ein ganz besonderes Brüsseler Rezept zu sein: erst aus Kräften mithelfen, um funktionsfähige Strukturen zu zerschlagen, und dann ganz groß aufgeplustert eine kleine Reparatur als großen Erfolg verkaufen. Ein Zugticket für eine Fahrt irgendwohin in EU-ropa … Juhu!
Ich altes Weib erinnere mich noch daran, vor fast fünfzig Jahren mit einem Zugticket von München nach Paris oder von München nach Rom gefahren zu sein. Gar kein Problem. Damals ging man an den Schalter, sagte, wohin man will, und bekam eine Fahrkarte, die für die ganze Strecke galt. Komisch, oder? Es gab sogar dieses tolle Interrail-Ticket für Jugendliche, mit dem man für 200 Mark einst einen Monat lang überall in Westeuropa umsonst fahren konnte und nur im eigenen Land die Hälfte des normalen Fahrpreises bezahlen musste. Aber damals waren diese Fahrpreise, verglichen mit heute, spottbillig (heute gibt es stattdessen für eine kleine Zahl Ausgeloster das Ticket umsonst, der Rest …).

Und dann kam die Privatisierung. So gut wie überall. Die Preise explodierten, Zugfahren war für Familien schon fast unmöglich, und je nach Land zerfiel auch das Netz in eine ganze Reihe von Einzelstrecken, selbst wenn Kontinentaleuropa das nie so weit trieb wie Großbritannien; das früher damit angefangen hatte und deshalb bereits Anfang der 2000er schwere Bahnunfälle wegen eines kaputtgesparten Gleisnetzes vorweisen konnte.
Jetzt braucht es also die EU, um aus dem ganzen Salat irgendwie wieder rauszukommen. Eine Fahrkarte von Berlin bis Rom! Klar, da kamen zwischendrin auch noch ein paar osteuropäische Staaten dazu, aber der entscheidende Punkt ist doch, dass eine gut eingespielte Struktur in Stücke gehauen wurde, weil privat ja so viel besser sein soll.
Früher, bei den staatlich betriebenen Eisenbahnen, war das ganz einfach – die Eigentümer, also die Staaten, schlossen Verträge miteinander, die die Abrechnung für den grenzüberschreitenden Verkehr regelten. Die ganze Vielfalt von Spartarifen gab es ohnehin noch nicht; sie waren auch bei weitem nicht so nötig wie später in den privaten Luxusbahnen. Die Eisenbahner waren damals übrigens spannende Leute, vor allem auf den Langstrecken. Weil die französischen und die italienischen Bahnen immer mal wieder wegen Generalstreiks bestreikt wurden und die deutschen Schaffner dann erzählten, was sie dort erlebt hatten …
Einen "Gamechanger für die Zugfahrt in Europa" nennen sie jetzt das, was einst selbstverständlich war. Als wäre das wirklich eine ganz tolle, neue Erfindung, etwas, das es noch nie gegeben hat. "Jeder vierte Europäer", berichtet die "Tagesschau" unter Berufung auf eine Umfrage, "der schon eine Zugreise mit verschiedenen Anbietern gebucht hat, fand die Buchungserfahrung schwierig oder eher schwierig".
Übrigens, damals musste man sich auch nicht selbst durch Fahrpläne graben. Klar, es gab noch kein Internet und keine App, aber es gab eine Zugauskunft, die wirklich Bescheid wusste, und dann gab es viele Fahrkartenschalter, an denen man seine Karten kaufte. Man konnte sich einfach auf die Kompetenz anderer verlassen, ein heutzutage etwas ungewohntes Konzept.
Mit dem Interrail-Ticket bin ich damals bis Dublin gefahren, Fähre eingeschlossen. Über Paris, um Deutschland schnell zu verlassen. Und dann, ziemlich abgebrannt, über Basel zurück. Mit einem kleinen Heftchen, mehr war das nicht, das Interrail-Ticket von damals. Ein Heftchen und vier Wochen Abenteuer.
Das sind die Erlebnisse, die dafür gesorgt haben, dass so viele der Älteren Europa so toll finden. Und dann kam der Neoliberalismus und die EU, und jetzt ist es eine ganz tolle Idee, ein Zugticket für eine Fahrt zu haben. Demnächst lässt sich Brüssel noch dafür loben, dass Räder rund sind. Aber vorher wird bestimmt verboten, mit diesen Rädern auch zu fahren.
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